Nord­see-See­lachs ver­liert MSC-Siegel

Nord­see-See­lachs ver­liert MSC-Siegel

Eine sach­li­che Einordnung

 

Ham­burg (ots)

Der Ver­lust des MSC-Sie­gels für Nord­see-See­lachs wirft Fra­gen auf: Was steckt dahin­ter? Was bedeu­tet das für die Ein­schät­zung von Nach­hal­tig­keit? Und wie lässt sich die­se Ent­wick­lung sach­lich ein­ord­nen? Das Fisch-Infor­ma­ti­ons­zen­trum (FIZ) in Ham­burg gibt einen Über­blick – ver­ständ­lich, fak­ten­ba­siert und aus neu­tra­ler Perspektive.

Was ist passiert?

Nord­see-See­lachs darf vor­erst nicht mehr das Nach­hal­tig­keits­sie­gel des Mari­ne Ste­ward­ship Coun­cil (MSC) tra­gen. Die betrof­fe­nen Fische­rei­en aus meh­re­ren euro­päi­schen Län­dern, u.a. aus Nor­we­gen, Frank­reich, Schott­land, Däne­mark, Schwe­den und den Nie­der­lan­den sowie aus Deutsch­land, das Unter­neh­men Kut­ter­fisch-Zen­tra­le aus Cux­ha­ven, wur­den jah­re­lang erfolg­reich nach dem MSC-Stan­dard zer­ti­fi­ziert. Doch der Ver­lust des Sie­gels basiert nicht auf einer Regel­ver­let­zung der Fische­rei­en, son­dern auf Ände­run­gen in der Bio­lo­gie des Bestan­des und einer metho­di­schen Anpas­sung in der wis­sen­schaft­li­chen Bewer­tung des Bestands.

Was ist der MSC und wie funk­tio­niert das Zertifikat?

Der MSC ist eine inter­na­tio­na­le gemein­nüt­zi­ge Orga­ni­sa­ti­on, die Fische­rei­en zer­ti­fi­ziert, die Umwelt- und Nach­hal­tig­keits­stan­dards ein­hal­ten. Zer­ti­fi­zie­run­gen erfol­gen jedoch nicht durch den MSC selbst, son­dern durch unab­hän­gi­ge Prüf­stel­len (Zer­ti­fi­zie­rer), die auf Basis der jeweils aktu­el­len wis­sen­schaft­li­chen Daten und unter Anwen­dung fest­ge­leg­ter Bewer­tungs­rah­men ent­schei­den. Um das Sie­gel zu erhal­ten, muss ein Fische­rei-Unter­neh­men Bestän­de nach­hal­tig nut­zen, das Öko­sys­tem scho­nen und wirk­sam gema­nagt sein, zum Bei­spiel durch Fang­quo­ten und Kon­trol­le. Im Unter­schied zur gesetz­li­chen Fische­rei­re­gu­lie­rung, wie der Gemein­sa­men Fische­rei­po­li­tik der EU, die Min­dest­stan­dards für alle EU-Fische­rei­en setzt, geht der MSC-Stan­dard oft dar­über hin­aus und ver­langt bei­spiels­wei­se auch Vor­sor­ge­an­sät­ze bei Datenunsicherheit.

Was war die Ursa­che für den Zertifikatsverlust?

Der ICES (Inter­na­tio­nal Coun­cil for the Explo­ra­ti­on of the Sea) hat­te im Juni 2024 das Bewer­tungs­mo­dell für den See­lachs­be­stand in der Nord­see aktua­li­siert: Als Kon­se­quenz wur­de die wis­sen­schaft­lich emp­foh­le­ne Bestands­grö­ße, ober­halb der sich der Bestand lang­fris­tig ein­pen­deln soll­te (MSY), von 149.000 auf rund 180.000 Ton­nen ange­ho­ben. Auch der Ziel­wert für die fische­rei­li­che Sterb­lich­keit (F, maxi­mum sus­tainable yield), die die Basis für die Fang­quo­ten­be­rech­nun­gen dar­stellt, muss­te neu berech­net wer­den. Da die EU ihre Fang­quo­ten für 2024 aber bereits im Dezem­ber 2023 auf Basis der bis­lang gel­ten­den Ziel­sterb­lich­keit beschlos­sen hat­te, ergab sich durch die Anpas­sung der bio­lo­gi­schen Refe­renz­wer­te für den Bestand eine mini­ma­le rech­ne­ri­sche Über­schrei­tung der nach­hal­ti­gen Fang­men­ge um 1,3 Pro­zent. “Zur­zeit befin­den sich auch die aktu­el­le Bestands­grö­ße, die Bestands­ent­wick­lung und die der­zei­ti­ge Nach­wuchs­pro­duk­ti­on beim Nord­see-See­lachs im Grenz­be­reich”, erklärt Kath­rin Run­ge, Pro­gramm-Mana­ge­rin beim MSC und betont: “Die­se Kom­bi­na­ti­on aus meh­re­ren Fak­to­ren ver­an­lass­te die Gut­ach­ter, das Sie­gel zu ent­zie­hen. Wenn es nur das gering­fü­gi­ge Über­schrei­ten der nach­hal­ti­gen Fang­men­ge gewe­sen wäre, hät­te das nicht zu einer Sus­pen­die­rung geführt.”

Was sagt die Wis­sen­schaft dazu?

Die wis­sen­schaft­li­chen Grund­la­gen für eine nach­hal­ti­ge Bestands­be­wirt­schaf­tung der Fisch­be­stän­de in unse­ren Gewäs­sern lie­fert der ICES in Kopen­ha­gen. Im Rah­men der wis­sen­schaft­li­chen Fang­quo­ten­emp­feh­lun­gen gibt es immer wie­der die Not­wen­dig­keit, ver­wen­de­te Model­le und bio­lo­gi­sche Refe­renz­wer­te zu über­prü­fen. Die­se Über­prü­fun­gen füh­ren manch­mal zu kurz­fris­ti­gen und deut­li­chen Ände­run­gen in der Ein­schät­zung des Zustands von Fisch­be­stän­den, weil sich die Mee­res­öko­sys­te­me unter dem Kli­ma­wan­del hoch­dy­na­misch ver­än­dern. Abrup­te Ände­run­gen stel­len die Fische­rei selbst, aber auch die poli­ti­sche Steue­rung von Fische­rei­en und nicht zuletzt die MSC-Zer­ti­fi­zie­rung vor mas­si­ve Her­aus­for­de­run­gen, weil plötz­li­che Ände­run­gen in ihren Sys­te­men nicht ange­legt sind. Laut Dr. Gerd Kraus, Lei­ter des Thü­nen-Insti­tuts für See­fi­sche­rei in Bre­mer­ha­ven, ist die Ursa­che für den aktu­el­len Ver­lust des Sie­gels in der See­lachs­fi­sche­rei das Ergeb­nis einer sol­chen Über­prü­fung: “Die aktu­el­le Lage ist das Ergeb­nis einer metho­di­schen Neu­be­wer­tung der ver­wen­de­ten Model­le und Refe­renz­wer­te. Sie ist nicht Fol­ge eines Fehl­ver­hal­tens der Fische­rei. Auch das Fische­rei­ma­nage­ment funk­tio­niert, die Fang­quo­ten wer­den an die aktu­el­le Situa­ti­on ange­passt, damit der Bestand sich so schnell wie mög­lich wie­der auf das MSY-Niveau ent­wi­ckeln kann. Schwan­kun­gen in der Pro­duk­ti­vi­tät von Fisch­be­stän­den sind nor­mal und das Fische­rei­ma­nage­ment greift ent­spre­chend steu­ernd ein. Aus wis­sen­schaft­li­cher Sicht spricht daher vie­les dafür, die­se Fische­rei wei­ter­hin als nach­hal­tig ein­zu­stu­fen.” Eine ande­re Fra­ge ist, wie sich der Bestand künf­tig unter dem Kli­ma­wan­del wei­ter­ent­wi­ckeln wird: Laut Kraus sind die See­lach­se in den ver­gan­ge­nen Jah­ren im Schnitt leich­ter gewor­den und die Pro­duk­ti­vi­tät des Bestan­des hat sich ver­rin­gert. Ursa­che sei nicht zu viel Fische­rei, son­dern Ände­run­gen der Umwelt und ein sin­ken­des Nah­rungs­an­ge­bot: “Der Nah­rungs­man­gel führt zu indi­vi­du­el­len Gewichts­ver­lus­ten, die auf Bestands­ebe­ne die Gesamt­bio­mas­se redu­zie­ren, obwohl sich die Anzahl der See­lach­se ver­gleichs­wei­se sta­bil ent­wi­ckelt. Für uns Fische­rei­bio­lo­gen ist das ein Indiz dafür, dass sich in der Nord­see die soge­nann­te ‚car­ry­ing capa­ci­ty’ für den See­lachs­be­stand wei­ter ändert. Damit ist es sehr wahr­schein­lich, dass wir unse­re wis­sen­schaft­li­chen Ein­schät­zun­gen über die­sen Bestand sehr bald erneut revi­die­ren müs­sen – völ­lig unab­hän­gig von der Fische­rei. Auf sol­che Dyna­mi­ken müs­sen sich lei­der alle – auch der MSC – künf­tig häu­fi­ger ein­stel­len und über­le­gen, wie man dem bes­ser Rech­nung tra­gen kann.”

Was sagt der MSC?

“Die Ent­schei­dung, ob eine Fische­rei sus­pen­diert (oder auch: zer­ti­fi­ziert) wird, trifft nicht der MSC, son­dern die­se Ent­schei­dung wird wis­sen­schafts­ba­siert durch unab­hän­gi­ge Gut­ach­ter getrof­fen”, so Kath­rin Run­ge. “Vor dem Hin­ter­grund, dass sich die Fische­rei über all die Jah­re ihrer Zer­ti­fi­zie­rung immer vor­bild­lich ver­hal­ten hat, was ihre Nach­hal­tig­keit betrifft, ist die aktu­el­le Sus­pen­die­rung trau­rig und ohne Zwei­fel sehr bit­ter für die Fische­rei.” Sie habe ver­ant­wor­tungs­voll gehan­delt – und müs­se den­noch die Fol­gen und Erfor­der­nis­se, die der Kli­ma­wan­del und Ver­än­de­run­gen im Öko­sys­tem mit sich brin­gen, mit­tra­gen. Der MSC hof­fe, dass sich die Bestands­si­tua­ti­on und deren wis­sen­schaft­li­che Bewer­tung mög­lichst bald wie­der ver­bes­se­re, so dass die Fische­rei ihr Zer­ti­fi­kat zurück­er­lan­gen kön­ne. Run­ge betont: “So lan­ge wie die Gesund­heit oder die Erho­lung eines Bestan­des, wie aktu­ell beim Nord­see-See­lachs, wis­sen­schaft­lich in Fra­ge gestellt wird, ist es fol­ge­rich­tig, dass Fisch aus die­sem Bestand erst ein­mal kein MSC-Sie­gel mehr trägt.”

Was sagt die Fischerei?

Die betrof­fe­ne Fische­rei hat ver­ant­wor­tungs­voll reagiert und die Quo­te 2024 sogar erneut nicht aus­ge­schöpft. Vom ICES wur­de eine Quo­te von knapp 71.000 Ton­nen aus­ge­lobt, die Fische­rei hat knapp 53.000 Ton­nen gefischt. Rund 18.000 Ton­nen oder 25 Pro­zent der Quo­te wur­den nicht genutzt. Kai-Arne Schmidt, Geschäfts­füh­rer der Erzeu­ger­ge­mein­schaft Kut­ter­fisch: “Wir las­sen uns nicht ent­mu­ti­gen. Unser Ziel bleibt es, nach­hal­tig und nach­voll­zieh­bar zu wirt­schaf­ten – auch ohne aktu­el­les Sie­gel. Wir prü­fen der­zeit gemein­sam mit Wis­sen­schaft und Zer­ti­fi­zie­rern, wie wir die Vor­aus­set­zun­gen für eine Re-Zer­ti­fi­zie­rung schnellst­mög­lich wie­der erfül­len können.”

Was bedeu­tet das für Han­del und Verbraucher?

Der Ver­lust des MSC-Sie­gels bedeu­tet kein Ver­sa­gen der Fische­rei­po­li­tik, son­dern zeigt die Gren­zen eines Sys­tems, das wis­sen­schaft­lich kor­rekt sein will, aber in einem sich schnell ver­än­dern­den Öko­sys­tem nicht immer Schritt hal­ten kann. Gleich­zei­tig hat der Schritt hand­fes­te Aus­wir­kun­gen auf den Markt: Für den Han­del ent­fällt ein wich­ti­ges Argu­ment in der Kun­den­kom­mu­ni­ka­ti­on – das bekann­te Sie­gel. Für Ver­brau­che­rin­nen und Ver­brau­cher wird nach­hal­ti­ger Kon­sum dadurch nicht ein­fa­cher. Zwar gibt es wei­ter­hin See­lachs aus ande­ren Her­kunfts­re­gio­nen mit Zer­ti­fi­kat, doch vie­le die­ser Pro­duk­te stam­men nicht aus regio­na­ler, deut­scher Fische­rei. Gera­de des­halb ist es beson­ders bit­ter, dass aus­ge­rech­net die letz­te bedeu­ten­de deut­sche See­lachs­fi­sche­rei ihr Nach­hal­tig­keits­prä­di­kat ver­liert. Dipl. oec. troph. Julia Stein­berg-Böthig, PR-Refe­ren­tin des Fisch-Infor­ma­ti­ons­zen­trums, sagt: “Die Zer­ti­fi­zie­rungs­lö­sung war for­mal kor­rekt, aber prak­tisch kaum nach­voll­zieh­bar. Ver­brau­cher soll­ten wis­sen: Der Nord­see-See­lachs wird nach wie vor ver­ant­wor­tungs­voll gefan­gen. Die hei­mi­sche Fische­rei zeigt, dass sie wis­sen­schaft­li­che Emp­feh­lun­gen respek­tiert – und in die­sem Fall sogar unter­bo­ten hat.”

 

Quel­le: FIZ Fisch-Infor­ma­ti­ons­zen­trum e.V.

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