Marne – Tödlicher Unfall im Atemschutzeinsatz

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Auswertung der Feuerwehrunfallkasse Nord zum tödlichen Atemschutzunfall in Marne
Auswertung der Feuerwehrunfallkasse Nord zum tödlichen Atemschutzunfall in Marne
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Die Ergebnisse der Unfalluntersuchung aus Marne durch die HFUK Nord liegen jetzt vor.

Am 06. Dezember 2015 kam es bei einem Brand in einem Eisenwarengeschäft in Marne (Kreis Dithmarschen) zu einem tragischen Unfall, in dessen Verlauf ein 31-jähriger Feuerwehrmann der Freiwilligen Feuerwehr Marne ums Leben kam.

Wie der NDR berichtete, war der 31-Jährige Teil des im Innenangriff eingesetzten Angriffstrupps. Während der Brandbekämpfung kam es zu einer Durchzündung. Der Verunglückte setzte noch eine Mayday-Meldung ab, dann brach der Funkkontakt ab. Die zur Rettung eingesetzten Kameraden konnten ihn nur noch tot aus dem Gebäude bergen.

Der HFUK Nord, in dessen Geschäftsgebiet sich der tödliche Einsatzunfall des Atemschutzgeräteträgers der Freiwilligen Feuerwehr Marne (LK Dithmarschen) ereignete, hat nun seinen Untersuchungsbericht veröffentlicht.

Zur Unfallursache führte die HFUK Nord gemäß ihres gesetzlichen Auftrages umfangreiche und aufwändige Ermittlungen durch. Dies geschah durch den Technischen Aufsichts- und Beratungsdienst der HFUK Nord und erfolgte kurz nach dem Unfall vor Ort mit den beteiligten Feuerwehrangehörigen der FF Marne und der benachbarten Wehren sowie in Zusammenarbeit mit den ermittelnden Stellen der Polizei und Staatsanwaltschaft. Gemeinsam mit den beteiligten Einsatzkräften der FF Marne wurde durch die HFUK Nord in den folgenden Wochen bei mehreren Zusammenkünften der Geschehensablauf so weit wie irgendwie möglich rekonstruiert. Dabei haben sich genaue Erkenntnisse zu den Abläufen vor dem Unfall, zum Verlauf des Unfalls sowie zu den Abläufen nach dem Unfall (Atemschutznotfall und Notfallrettung) ergeben, die in diesem Beitrag kompakt geschildert werden sollen.

Geschehensablauf:

Nach der Lagemeldung sowie der Einschätzung der Lage auf Sicht wurden zwei Trupps des ersteintreffenden Löschfahrzeugs beauftragt, unter Atemschutz in das erste Obergeschoss vorzugehen und die dortige Wohnung nach Personen abzusuchen sowie eine Brandbekämpfungvorzunehmen. Vom Gruppenführer des zwischenzeitlich eingetroffenen zweiten Löschfahrzeugs wurde ebenfalls ein Trupp zur Menschenrettung und Brandbekämpfung in das Treppenhaus geschickt. Truppmitglied hier war der später tödlich verunglückte Feuerwehrangehörige D.
Entgegen des Befehls des Gruppenführers meldete sich der Trupp nicht bei der Atemschutzüberwachung und nahm auch keine eigene Schlauchleitung mit in das Gebäude.

Im ersten Obergeschoss angekommen, entschieden sich die Trupps, nicht in die Wohnung vorzugehen, da ihnen bekannt war, dass die Besitzer dort nicht mehr wohnen. Sie begaben sich somit in das Dachgeschoss, um zunächst eine Abzugsöffnung für einen Lüftereinsatz zu schaffen und dann die Brandbekämpfung aufzunehmen. Was dadurch nicht bemerkt wurde: In der Wohnung im ersten Obergeschoss brannte es in einem hinteren Raum. Dort wurde später auch die Brandausbruchstelle lokalisiert. Die Trupps gingen somit am Feuer vorbei.

Das Dachgeschoss bestand aus einem Flur, von dem mehrere Räume abgingen. Um eine Abzugsöffnung zu schaffen, sollte ein Fenster in Raum 4 geöffnet werden. Beim Vorgehen in das Dachgeschoss kam es zu einer Durchmischung und Neubesetzung der Trupps. Darüber hinaus war die Orientierung aufgrund der Rauchentwicklung so schlecht, dass die vorgehenden Einsatzkräfte nicht merkten, dass sie an Raum 4, in den sie eigentlich vorgehen wollten, vorbeigegangen waren. Auf der linken Seite befand sich der Brandraum (Raum 5). An diesem Raum gingen die Einsatzkräfte ebenfalls vorbei, um irrtümlicherweise im Raum 2 nach dem Fenster zu suchen.
Der Strahlrohrführer wartete, wahrscheinlich weil er keine Schlauchreserve mehr hatte, im Flur vor Raum 2, die anderen beiden Truppmitglieder, darunter der tödlich verunglückte D. begaben sich in den Raum 2. Plötzlich kam es zu einer dynamischen Brandausbreitung in dem Bereich im Dachgeschoss, in dem die Trupps vorgingen. Rauch und Hitze breiteten sich schlagartig aus. Die mit dem verunglückten Feuerwehrmann D. vorgehenden Truppmitglieder verließen den betroffenen Bereich daraufhin fluchtartig.
Hierbei rutschte auch die vorher niedergelegte Schlauchleitung aus dem Dachgeschoss ins Treppenhaus, so dass sich die Feuerschutztür zwischen Dachgeschoss, und Treppenhaus schloss. Der verunglückte D. hatte keinen Kontakt zum Schlauch, verlor die Orientierung und fand nicht mehr hinaus. Die intensive Brandentwicklung in dem Objekt und weitere Umstände bei der Atemschutznotfallrettung ließen keine schnelle Rettung zu. Selbst mit vollen Atemluftflaschen hätte der Luftvorrat von D. für den Zeitraum bis zum Auffinden des Verletzten nicht zum Überleben gereicht.
Als todesursächlich wurden laut Gutachten mehrere Gründe benannt, die in Kombination wirkten. Aufgrund des schweren körperlichen Einsatzes und der großen Wärmeeinwirkung in dem Einsatzobjekt kam es zu einer Dehydrierung, die mit als Todesursache gilt. Eine erhöhte Dehydrierung kam erschwerend aufgrund eines vorhandenen Restalkohols von D. hinzu. Als weitere Einwirkung, die mit zum Tod geführt hat, ist ein Hitzeschock aufzuführen. Die dritte Teilursache ist das Ausbleiben des Sauerstoffs aufgrund des leergeatmeten Atemschutzgerätes.

Unfallanalyse durch die HFUK Nord:

Bei der Bewertung der Ereignisse im Nachhinein ist festzustellen, dass den eingesetzten Feuerwehrangehörigen der FF Marne im Laufe der Einsatzvorbereitung und des Einsatzes mehrere Fehler unterlaufen sind. Diese äußerten sich in Verstößen gegen Feuerwehr-Dienstvorschriften und Unfallverhütungsvorschriften sowie Missverständnissen und falschen Einschätzungen der Lage.

Es wurde jedoch deutlich, dass es sich keinesfalls um schwerwiegende Fehler bzw. Verstöße handelt. Vielmehr führten die Summe und Verkettung selbiger und vor allem die Fehler des Unfallverletzten D. in der Folge zu dem tödlichen Unfall.
Vorab möchten wir an dieser Stelle noch anmerken, dass es einen fehlerfreien Einsatz nicht gibt. Darüber hinaus haben nicht alle aufgeführten Fehler zum Tod von D. geführt. Für eine wirksame Prävention sollen nachfolgend jedoch alle Probleme angesprochen werden.

Vorgehen in das Gebäude:

Zu Beginn des Einsatzes fand keine ausreichende Erkundung des Brandobjektes statt. Dies war der Größe und Unübersichtlichkeit des Gebäudes geschuldet. Ein Einblick in alle Bereiche war von außen nicht möglich. Dennoch fehlten dadurch wichtige Erkenntnisse über das Objekt.
Nach dem Eintreffen des zweiten LF wurde durch dessen Gruppenführer ein Trupp zusätzlich zu den beiden Trupps des ersten LF in das Gebäude geschickt. Dies geschah jedoch ohne weitere Absprache mit dem zuerst eingetroffenen Gruppenführer.

Im Zuge des späteren fluchtartigen Zurückziehens der Trupps kam es hierdurch bedingt zu Irritationen, ob alle Einsatzkräfte das Gebäude vollzählig verlassen haben. Obwohl der Trupp mit dem später tödlich verunglückten D. den Befehl bekam, sich bei der Atemschutzüberwachung anzumelden und eine eigene Schlauchleitung mitzuführen, missachtete der Trupp diesen Befehl und ging in das Gebäude vor.

Einsatzverlauf im Treppenhaus/ Dachgeschoss:

Im ersten Obergeschoss angekommen, entschieden sich die jetzt vorgehenden drei Trupps, nicht die Wohnung zu öffnen, sondern weiter zur Brandbekämpfung in das Dachgeschoss vorzugehen.
Hätten sie die Wohnung geöffnet, hätten sie wahrscheinlich bemerkt, dass das Feuer nicht im Dachgeschoss, sondern im ersten Obergeschoss ausgebrochen war und sich im Gebäudeinneren weiter ins Dachgeschoss ausbreitete. Die Trupps liefen somit am Feuer vorbei. Darüber hinaus meldeten sie ihr Vorgehen weder der Einsatzleitung noch der Atemschutzüberwachung, so dass diese über das Vorgehen in das Dachgeschoss nicht unterrichtet waren.
Im Dachgeschoss angekommen, wurden die Mitglieder der Trupps neu zusammengesetzt. Es entstanden völlig neue Truppkombinationen. Der Grund hierfür lag darin, dass einer der vorgehenden Feuerwehrangehörigen erst kurz zuvor seinen Atemschutzlehrgang absolviert hatte. Er sollte deshalb nicht mit in den größten Gefahrenbereich vorgehen. Im Zugang zum Dachgeschoss befand sich eine Feuerschutztür, welche automatisch schließt. Aus diesem Grund verblieb ein Feuerwehrangehöriger im Türbereich.
Ein somit neu zusammengesetzter 3-Personen-Trupp, bestehend aus dem tödlich verunglückten D., einem weiteren Feuerwehrangehörigen und einem Strahlrohrführer, begab sich in das Dachgeschoss, um ein Fenster zur Schaffung einer Abluftöffnung zu suchen. Anders als üblich ging dabei jedoch der Strahlrohrführer nicht vorneweg, sondern als Letzters und verblieb im Flur vor Raum 2. Die beiden vorangehenden Truppmitglieder hatten somit keinen Kontakt zur Schlauchleitung. Aufgrund der durch die starke Verrauchung schlechten Sicht im Dachgeschoss gingen die vorgehenden Einsatzkräfte an der relativ kleinen Öffnung zum Raum 4 mit dem Fenster vorbei. Ebenfalls vorbei gingen sie an einer Tür zum Raum 5 auf der linken Seite. In Raum 5 brannte es zu diesem Zeitpunkt bereits. Von nun an verloren sie die Orientierung. Sie erreichten den dahinterliegenden Raum 2 und öffneten diesen mittels Brechwerkzeug. In diesem Raum suchten sie vergeblich das Fenster und meinten, sich in dem Raum 4 zu befinden, an dem sie anfangs vorbei gingen.

Ablauf des Unfalles:

Plötzlich kam es zu einer schnellen Rauch- und Brandausbreitung durch die Tür des Brandraumes (Raum 5) in den Bereich des Dachgeschosses, in dem sich der Trupp gerade befand. Der Strahlrohrführer gab zwar noch Wasser in Richtung des Feuers ab, musste das Strahlrohr aber niederlegen und den Bereich verlassen.
Da die Schlauchleitung zu kurz und im Treppenhaus nicht mittels Schlauchhalter gesichert war, rutsche sie aus dem
Flur des Dachgeschosses in das Treppenhaus zurück. Somit fehlte gleichzeitig an der Tür vom Treppenhaus zum Flur des Dachgeschosses ein Türaufhalter. Die FH-Tür schloss daraufhin selbsttätig.
Im Dachgeschoss befanden sich nunmehr D. sowie ein weiterer Feuerwehrangehöriger.
Während der zweite Feuerwehrangehörige bei völliger Nullsicht per Zufall die rettende Tür zum Treppenhaus fand, verfehlte D. die Tür und geriet in den gleich neben der Tür zum Treppenhaus befindlichen Raum 4, der ursprünglich begangen werden sollte. Beim darauffolgenden Rückzug waren die Feuerwehrangehörigen zunächst der Auffassung, dass alle aus dem Objekt gelangt sind. Dadurch, dass sich der dritte Trupp nicht bei der Atemschutzüberwachung angemeldet hatte und die Trupps im Gebäude neu zusammengesetzt wurden, kam es aber zu Irritationen bezüglich der Anzahl der eingesetzten und aus dem Gebäude gelangten Feuerwehrangehörigen. Nun wurde das Fehlen von D. bemerkt.
Gleichzeitig wurde über Funk durch D. mehrmals ein Mayday-Notruf abgesetzt. Dabei stellte sich die Einsatzstellenkommunikation als schwierig dar. Es gab keine Kanaltrennung. Durch Nebengeräusche wie Brandgeräusche und Einsatzstellenlärm wurde die Kommunikation zudem erheblich beeinträchtigt. Ab dem Zeitpunkt der Mayday-Rufe wurde der Atemschutz-Notfall ausgerufen und die Rettung eingeleitet.

atemschutzunfall Marne_grafik-dachgeschoss
atemschutzunfall Marne_grafik-dachgeschoss

 

atemschutzunfall Marne_fundort
atemschutzunfall Marne_fundort

Ablauf der Atemschutz-Notfallrettung:

Der im Gebäude verirrte D. konnte nach dem Absetzen des Mayday-Notrufes auf Rückfrage der Atemschutzüberwachung nicht seinen genauen Standpunkt im Gebäude wiedergeben, sondern nur mitteilen, dass er eine Treppe hoch gegangen ist und dort die Orientierung verloren hat. Er wurde daraufhin im Treppenhaus im 1. Obergeschoss oder im Dachgeschoss vermutet. Es wurden mehrere Rettungstrupps gebildet, zum Teil aus den Kräften, die bereits mit im Einsatz waren. Der erste Rettungstrupp ging in das Treppenhaus bis zur Rauchgrenze vor und nahm die dort noch liegende Schlauchleitung auf. Die Leitung verhakte sich und musste von einem weiteren Rettungstrupp nachgeführt werden. Der Lösch- /Rettungsversuch musste durch die Zerstörung der Schlauchleitung im Erdgeschoss unterbrochen werden. Die Leitung wurde durch Glassplitter beschädigt und musste ausgetauscht werden.
Der zweite Löschversuch eines neuen Rettungstrupps auf dem gleichen Weg musste aufgrund der starken Brandausbreitung und des massiven Wassereinsatzes über Werfer auf das Dach abgebrochen werden. Nachdem die Wasserabgabe über Werfer auf das Dach eingestellt wurde, musste auch der zweite Löschversuch über das Treppenhaus aufgrund einer erneuten Beschädigung der Schlauchleitung abgebrochen werden.
Die starke Durchzündung im Dachgeschoss wurde daraufhin wieder vonaußen mit massivem Wassereinsatz bekämpft.
Anschließend gingen zwei Rettungstrupps mit einer neuen Angriffsleitung ins Dachgeschoss vor. Durch diesen Verlauf ergab sich eine sehr lange Rettungsdauer. D. wurde im Dachgeschoss unter der Dachschräge in dem Raum 4 gefunden, der ursprünglich durch den Trupp begangen werden sollte. Sein Notsignalgeber war aktiviert, wurde aber auf Grund der äußeren Umstände der Einsatzstelle erst in unmittelbarer Nähe des Verunglückten gehört.
Ein Rettungstrupp musste aufgrund des Luftverbrauches den Rückzug antreten, der verbliebene Rettungstrupp konnte mit einem weiteren neuen Rettungstrupp mit der Rettung des verunglückten D. beginnen. Aufgrund der räumlichen Enge sowie vorhandener Kabel war die Rettung selbst für vier Personen schwierig zu bewältigen. Der Verunglückte D. wurde in einem Bergetuch aus dem Objekt getragen und dem Rettungsdienst übergeben.

Zusammenfassung der Analyse:

Als wesentliche und für den tragischen Unfallverlauf entscheidende Fehler sind zusammenfassend zu bewerten:
· Die unzureichende Erkundung führte zu einer falschen Einschätzung des Brandverlaufes im Objekt. Dadurch sind die eingesetzten Trupps zwei Mal (Wohnung 1. Obergeschoss sowie Tür zum Brandraum im Dachgeschoss) an brennenden Räumlichkeiten vorbei bzw. darüber gelaufen.

· Schlauchleitung und Strahlrohr wurden nicht mit in alle Räume genommen, vermutlich, weil die Leitung nicht lang
genug war. Eine Schlauchreserve und eine Schlauchsicherung im Treppenhaus waren nicht vorhanden. Dadurch konnte kein ständiger Kontakt zur Schlauchleitung als Rückzugsicherung gewährleistet werden. Dem Trupp mit dem verunglückten D. fehlte der Kontakt zur Schlauchleitung und der Kontakt zum jeweils anderen Truppmitglied. Ein Umstand, der dazu führte, dass sich D. nach der Durchzündung im Dachgeschoss verirrte.

· Die fehlende Anmeldung des Trupps mit dem Verunglückten D. bei der Atemschutzüberwachung sowie das Durchmischen der Trupps führte zu kurzzeitigen Irritationen, wie viele Feuerwehrangehörige im Innenangriff eingesetzt sind, wie die Trupps zusammengesetzt sind und ob alle aus dem Objekt wieder rauskamen.

· Da beim weiteren Vorgehen in das Dachgeschoss die Position der Trupps nicht genau bekanntgegeben wurde, konnte der verunglückte D. bei der Atemschutznotfall-Rettung nicht zügig lokalisiert werden.

Untersuchung der Atemschutztechnik:

Um eine mögliche Beteiligung der Atemschutztechnik an dem Unfall zu klären bzw. auszuschließen, erfolgte eine Untersuchung des Atemschutzgerätes sowie der Maske durch das Prüfinstitut DEKRA EXAM sowie im weiteren Verlauf in der Atemschutzgerätewerkstatt der Kreisfeuerwehrzentrale St. Michaelisdonn (LK Dithmarschen) unter Beteiligung und Anwesenheit der Wehrführung der FF Marne, der HFUK Nord, der Atemschutzgerätewarte der Kreisfeuerwehrzentrale, der Kriminalpolizei sowie der Herstellerfirmen für Atemschutztechnik Dräger und MSA.
Die Untersuchung wurde sehr akribisch unter den Augen der genannten Fachleute durchgeführt. Das Atemschutzgerät des Verstorbenen wurde bei der Untersuchung mehrfach mit vollen Atemluftflaschen bestückt und ein Atemschutzeinsatz wiederholt mit verschieden schwerer Arbeit mit unterschiedlich starker Veratmung simuliert.
Das Gerät absolvierte die Prüfungen einwandfrei. Es gab keinerlei Beanstandung der Funktion. Das verwendete Gerät konnte somit als Fehlerquelle und Unfallursache ausgeschlossen werden.

atemschutzunfall Marne-untersuchung-des-atemschutzgeraetes
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Ableitungen und Empfehlungen für die Prävention:

Aus den genannten Fehlern ergeben sich folgende Empfehlungen der Prävention:
· Möglichst ausführliche Erkundung durchführen
· Klare Führungsstruktur,  im vorliegenden Fall führte das zu Wirrungen in Bezug auf die Anzahl der eingesetzten Trupps (Kontrolle der Befehlsausführung soweit möglich).
· Unbedingtes Anmelden bei der Atemschutzüberwachung.
· Wenn vorhanden, müssen die Notsignalgeber aktiviert werden. Im vorliegenden Fall waren nicht alle Notsignalgeber aktiviert. Die Auslösung erfolgte manuell durch den verunglückten D.
· Möglichst genau den Standort durchgeben, zumindest immer dann, wenn die Position im Einsatzobjekt signifikant
geändert wird
· Bei Wehren, die gemeinsam z.B. amtsweise eingesetzt werden, sollte ein gemeinsames Vorgehen bei der Atemschutzüberwachung mit einheitlicher Überwachungstechnik festgelegt werden.
· Keine Durchmischung der Trupps durchführen bzw. wenn, dann der Einsatzleitung bzw. Atemschutzüberwachung
unbedingt melden.
· Immer im Trupp zusammenbleiben. Bei Nullsicht so dicht zusammen bleiben, dass ständiger Körperkontakt besteht.
· Im Innenangriff generell nur mit Rückzugsicherung vorgehen, z.B. durch Schlauchleitungen oder Leinen.
· Die Länge der Schlauchleitungen muss auf das Einsatzziel abgestimmt sein. Bei einer entsprechenden Eindringtiefe
im Innenangriff müssen genügend Schlauchreserven eingeplant und die Angriffsleitung gegebenenfalls verlängert werden.

· Bei der Anzahl der eingesetzten Trupps wäre eine zweite Angriffsleitung (Redundanz!) sinnvoll gewesen. So wurde es auch vom GF LF 10/6 befohlen. Jedoch entschied sich der verunfallte D. selbst dagegen. Die zweite Leitung hätte auch in der Phase der Atemschutznotfallrettung genützt, als die einzige Angriffsleitung beschädigt wurde.

· Werden Schläuche durch Fenster geführt, die zuvor zerstört wurden, müssen die Scherben auf jeden Fall entfernt
werden. Schlauchschäden!

· Aufteilung größerer Einsatzstellen in Abschnitte vornehmen. Dem folgend sollte eine Trennung der Funkkanäle erfolgen, um z.B. eine separate Kommunikation mit den vorgehenden Atemschutztrupps störungsfrei zu ermöglichen.

· Funkdisziplin einhalten, vor allem bei Notfallsituationen. Zahl der Funkverkehre auf das Notwendige reduzieren.

· Atemschutznotfalltraining regelmäßig durchführen.

· Die Atemschutznotfallrettung im vorliegenden Fall zeigte, dass ein Trupp als Sicherheitstrupp unzureichend ist.
Aufgrund der hohen körperlichen Anstrengung sowie zur Eigensicherung bei Bränden sollten zwei Sicherheitstrupps
bereitstehen.

· Nutzung von Notsignalgebern zum schnellen Auffinden von verunfallten Personen.

· Der Einsatz eines Druckbelüfters als taktische Druckbelüftung darf nur dann erfolgen, wenn das Belüftungsgerät den Zugangsbereich abdeckt, der erste Trupp mit dem Luftstrom ins Gebäude eindringt und gleichzeitig eine Abluftöffnung geschaffen wird.

· Ein Trupp im druckbelüfteten Einsatzobjekt, darf sich keinesfalls zwischen der Brandquelle und der zu schaffenden Abluftöffnung aufhalten, da es schwerwiegende Folgen für die eingesetzten Feuerwehrangehörigen bedeuten könnte.

· Vor dem Einsatz muss jeder Atemschutzgeräteträger seiner Eigenverantwortung gerecht werden und bei Einschränkungen seiner Leistungsfähigkeit z.B. durch Erkrankung oder Einfluss von Alkohol/ Medikamenten gegebenenfalls auf den Einsatz verzichten.

Im Ergebnis der Untersuchung besteht nach Ansicht der HFUK Nord kein Anlass, die bestehenden Vorgaben durch Unfallverhütungsvorschriften und Feuerwehr- Dienstvorschriften zu verändern oder zu verschärfen. Ein Beachten und Befolgen der bestehenden Vorschriften hätte den Unfall möglicherweise verhindert.
Zu nennen sind hier vor allem die Vorschriften der UVV “Feuerwehren” und der Feuerwehr-Dienstvorschrift   (FwDV 7) “Atemschutz”:

Auszug aus der UVV “Feuerwehren”:
· § 17 Im Feuerwehrdienst dürfen nur Maßnahmen getroffen werden, die ein sicheres Tätigwerden der Feuerwehrangehörigen ermöglichen.
· § 27 (2) Beim Einsatz mit von der Umgebungsatmosphäre unabhängigen Atemschutzgeräten ist dafür zu sorgen,
dass eine Verbindung zwischen Atemschutzgeräteträger und Feuerwehrangehörigen, die sich in nicht gefährdetem
Bereich aufhalten, sichergestellt ist.
Mehrere Vorgaben der FwDV 7 „Atemschutz“ wurden nicht konsequent eingehalten. Gerade im Atemschutzeinsatz
gibt es viele Handgriffe, die unbedingt sitzen müssen und bei denen es sich empfiehlt, sie drillmäßig zu üben, damit
die Atemschutzgeräteträger keine Fehler machen und leichter auf das Einsatzgeschehen reagieren können.
Auszug aus der FwDV 7:
· Jeder Trupp hat sich dann eigenständig nach dem Anschluss des Atemanschlusses an das Luftversorgungssystem bei der Atemschutzüberwachung zu melden, siehe FwDV 7 Absatz 7.2
„Einsatzgrundsätze beim Tragen von Isoliergeräten“.
· Hat der vorgehende Trupp keine Schlauchleitung vorgenommen, so ist das Auffinden des Rückwegs beziehungsweise des vorgehenden Trupps auf andere Art und Weise sicherzustellen, siehe FwDV 7 Absatz 7.2 “Einsatzgrundsätze beim Tragen von Isoliergeräten.”
· Der Trupp bleibt im Einsatz eine Einheit und tritt auch gemeinsam den Rückweg an, siehe FwDV 7 Absatz 7.2 “Einsatzgrundsätze beim Tragen von Isoliergeräten.”
· FwDV 7: Der Trupp geht im Gefahrenbereich immer gemeinsam vor. Hat der vorgehende Trupp keine Schlauchleitung dabei, muss eine Sicherung auf andere Art und Weise hergestellt werden. Siehe auch UVV Feuerwehren § 27 Abs. 2.

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